"Du bist doch Sängerin, du kannst alles singen."

"Alle wollen individuell sein, aber wehe einer ist anders."

Für mich als Sängerin gehört es hin und wieder dazu, meine vergangenen Posts durchzusehen, auszusortieren oder auch mal neu aufzugreifen, wenn ich meine, dass sie für euch interessant sein könnten.

Ich habe vor kurzem einen Post aus 2018 von mir bei Instagram wiedergefunden und möchte ihn nutzen, um ein Thema anzusprechen, das mir in meinem Job immer wieder begegnet …

 

Es handelt sich um eine der häufigsten und gleichzeitig schmeichelhaftesten Aussagen meiner Paare.

Hierzu möchte ich eine kurze Passage aus dem Post zitieren und werde hinterher etwas ausführlicher darauf eingehen:

Brautpaar:  „Kannst Du den Song bitte singen?“
Charleen:    **Klar, ich kann es zumindest versuchen. Ich höre ihn mir an und schaue mal ob und wie ich
                    ihn anpassen kann**
Brautpaar:  „Wie versuchen und wieso anpassen?
Du bist doch Sängerin. Du kannst alles singen und wir
                    finden das Original so schön“

So, so. „Du bist doch Sängerin. Du kannst alles singen.“ (Oft ist noch ein "gut" zwischen "alles" & "singen".)

Hm … Das wäre schon super, aber auch irgendwie langweilig, findet ihr nicht? Und so einfach ist das nicht. Ich finde es wirklich sehr schmeichelhaft, dass meine Brautpaare mir so viel zutrauen. Tatsächlich ist es aber gar nicht so selten, dass ich ein bisschen „tricksen“ oder den Song meiner Tonart anpassen muss, damit er schön klingt.

Ein Beispiel für euch: In diesem Jahr durfte ich 3x Helene Fischer singen (Ich werde jetzt nicht näher auf meine Schlager-Aversion eingehen. ;-) Als Künstlerin bewundere ich Helene nämlich trotzdem sehr). Diese Lieder waren für mich wahnsinnig anstrengend. Es ist einfach nicht meine Art zu singen und obwohl ich die Songs deutlich tiefer gepitcht hatte, bin ich alle drei Male mit Druckgefühl im Hals nach Hause gefahren. Meine Gesangstechnik ist einfach eine Andere. Ich kann eben nicht alles (gut) singen, nur weil ich Sängerin bin.

Ich will es mal anders beleuchten...

Stellt euch vor, ihr könntet wirklich sehr gut zeichnen und dann bittet euch plötzlich jemand Leonardo da Vinci‘s 'Mona Lisa' zu malen. Ufff.


Ihr mögt jetzt vielleicht denken „Okay, jetzt übertreibt sie wirklich ein bisschen“ und möglicherweise ist der Vergleich auch tatsächlich etwas drüber, aber auf der anderen Seite müsst ihr zugeben, dass doch etwas dran ist.

Ich möchte damit im Grunde genommen nur unsere Individualität zum Ausdruck bringen. Ich bin zum Beispiel ein riesiger Fan von Whitney Houston und liebe ihr großartige Stimme. Selbstverständlich singe ich deshalb auch gerne ihre Songs, aber eben auf meine Art. Und die ist nun mal deutlich tiefer als das Original. Ich bin nicht Whitney und möchte es auch gar nicht sein. Gerade wegen ihrer Individualität behalten wir sie doch in Erinnerung.  

 

Wir Menschen sind unterschiedlich und beherrschen die Dinge unterschiedlich. Das ist auch gut so. Keiner ist deshalb besser oder schlechter als der Andere, jeder von uns ist einfach ... anders. Individuell.

 

Fazit:
Eine liebe Gesangskollegin hat es mal so ähnlich formuliert: Seid nicht enttäuscht, wenn es nicht genau so klingt wie das „Original“. Seht es doch einfach mal so, ihr bekommt sowieso immer eine Original-Version, nämlich meine. 

 
Noch ein Tipp für meine Paare:

Ich weiß, dass ihr bestimmte Songs meist mit ganz besonderen Momenten verbindet. Sprecht mich deshalb einfach auf eure Songwünsche an. Ich versuche natürlich immer jeden Songwunsch zu erfüllen und ihr könnt sicher sein, dass ich nur selten einen Song ablehnen werde. Sollte es mal wirklich gar nicht gehen, weil der Song einfach gruselig klingt, werde ich das immer ganz offen kommunzieren und ich verspreche, dass ich immer mein Allerbestes für euch geben werde.

Wie seht ihr das? Habt ihr das vielleicht selbst mal gesagt? Oder seid ihr jemand der das schon mal gehört hat? Man kann es ja auch durchaus berufübergreifend betrachten - wie sind eure Erfahrungen?

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Kommentare: 1
  • #1

    Christine (Freitag, 01 November 2019 15:09)

    Liebe Charleen,

    was für ein entspannter und entspannender Artikel!
    Ich habe sehr lange gebraucht, um das zu erkennen, was du so treffend beschreibst: die Individualität der Stimme.

    Mir fiel es zum Beispiel immer sehr schwer, das Zarte und Sanfte in meiner Singstimme zu akzeptieren. Ich wollte so gerne rockig und kraftvoll singen - doch da waren und sind immer wieder Grenzen, die eben von genau der Individualität gesetzt werden, die du beschreibst.

    Es ist unsere individuelle Stimme, die unsere sekundären Charaktermerkmale zum Vorschein bringt. Und vielleicht sind wir deshalb in der Lage, zu berühren. Weil Individualität eben immer auch den Mut zur Verletzlichkeit bedeutet.

    Ich freue mich immer wieder, dass du für uns gesungen hast.
    Keep singing & keep blogging.

    Ganz liebe Grüße,
    Christine